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Das Märchen vom
Esel Rollo

1. Kapitel

Wo man erfährt wie der Esel
mit einer List entkommt.

Initialie E

s war einmal eine kleine Stadt, deren Namen man in keinem warmen Maul mehr findet; auch was sich damals zutrug, vor langer Zeit, ist längst vergessen. Nur von der Geschichte eines kleinen Esels gibt es noch Kunde, die freilich wie ein Märchen klingt, aber manche Erzähler behaupten fest, alles habe sich wirklich so zugetragen. Der Esel dieser Geschichte aber hieß Rollo.

Schon seit er denken konnte war Rollo in den Diensten des Müllers jener kleinen Stadt und musste sich mit dem Schleppen schwerer Säcke sein tägliches Brot verdienen. Prall mit Mehl gefüllte Säcke trug er vom Müller zum Bäcker und prall mit Korn gefüllte Säcke brachte er von den Bauern zum Müller. Dabei war es dem Mehlmeister egal, ob es regnete wie aus Eimern heraus, klirrende Kälte die Schweine in den Stall trieb, oder ob dem Grauschimmel die Sommerhitze wie Feuer aufs Fell brannte.

„Lad‘ dem Faulpelz noch einen Sack mehr auf, Geselle!“ schimpfte der Kornreiber zwischen den Mühlsteinen hervor, „und gib ihm einen tüchtigen Tritt, dass er sich aufmacht, es gibt ordentlich zu tun heute!“

Der Geselle tat, wie ihm befohlen, packte zu den Säcken noch einen obendrauf und gab dem Esel einen tüchtigen Tritt.

„Hol dich der Teufel, triefäugige Kröte!“ grollte der Esel, trat auf die Straße hinaus und sein Tagwerk begann so elend, wie es ihm seit Jahren gute Freundschaft hielt.

Die Morgensonne flutete schon die Gassen mit Licht, Vögel pfiffen um die Wette und unter der zentnerschweren Last des Mehls knirschten die Knochen des Fuhrmanns, als wollte man Gläser biegen.

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Der Esel aber, dessen Geduld mit Meister und Geselle längst aufgebraucht war, dachte: „Bin ich eigentlich Hans Wurst? Der dumme August oder zeigen meine Ohren vielleicht nach Posse und Schalk? Ich schinde mich ab für diesen schmierigen Müller, diesem Abt im Orden der Fettsäcke, dieses Geschwür im Gefieder Hans Huckebeins! Mein Verstand, so scheints, gleicht einer trüben Lache! Die Gosse ist mein Heim, eine dreckige Hütte mein Lohn, schimmliges Korn meine Kost und meine Freunde heißen Eule und Ratte!“

Unter solchen Reden war er bis zur Kirche des Städtchens gekommen, wo er inne hielt, zur Turmuhr hinauf blickte und sich schwor: „Wenn sich heute Nacht zur vollen Stunde die Zeiger kreuzen, mach ich mich auf und davon!"

Dieser Entschluss verbesserte die Stimmung des Esels auf der Stelle. Das listige Tier aber verrichtete sein Amt wie immer; würde ein plötzlich heiterer Esel nicht den Argwohn der mehligen Fachleute wecken? Deshalb verbarg er seinen Übermut und überlegte stattdessen: „Wie komme ich überhaupt und nachts durch ein verschlossenes, bewachtes Tor?“

Schließlich aber hatte er einen Einfall.

Beim Seiler tauschte er einen Sack Mehl gegen eine Rolle Schnur, beim Schneider erstand er für einen weiteren Sack ein Lederränzchen und fand er auf der Gasse einen Stein der ihm günstig schien, las er ihn auf. Nach Sonnenuntergang stieg er in seine lausige Stube, richtete Stein und Strick, packte sein Ränzchen und band es sich mit einem Riemen auf den Rücken.

Als Mitternacht war, träufelte ein halber Mond silbernes Licht in die Gassen. Ein Dutzend Glockenschläge verkündeten den neuen Tag und versickerten in den Ritzen und Rissen der Gemäuer.

Achtsam öffnete Rollo den Schlag seiner Hütte, prüfte ein letztesmal sein Bündel und schlich, im Schatten der Häuser unsichtbar geworden, zum nächstgelegenen Stadttor. Schon konnte er die Schildwache erkennen; ein Soldat, dessen Hellebarde im Mondlicht blitzte, verharrte regungslos vor dem rabenschwarzen Maul des Tores.

„Und jetzt Du, Wache!“ feixte der Esel, verbarg sich hinter einem Misthaufen, griff nach dem Ränzchen auf seinem Rücken, nahm den ersten, an eine lange Schnur gebundenen Stein, stand auf das Ende des Stricks und schleuderte den Mockel mit aller Kraft über das Tor hinweg. Als aber die Schnur aufgebraucht war, wurde der Stein in seinem Fluge jäh gebremst, stürzte hinter dem Tor herunter und polterte wie ein Glockenschwengel von aussen gegen das Holz.

Die Wache nun meinte nicht anders, als dass es geklopft hätte und rief:

„Wer da? Wer da?“, aber niemand gab Antwort.

Da nahm der Esel den zweiten Stein und schleuderte auch diesen über das Tor, wieder schien jemand zu klopfen und der Bewaffnete rief erneut: „Wer da? Wer da? Welcher Fremde begehrt Einlass, sprecht!“ Er spizte die Ohren, aber erneut gab keiner Bescheid.

Schließlich wurde es dem Soldaten zu bunt; nach dem dritten Klopfen ohne Antwort war er neugierig geworden, zündete ein Licht an, öffnete das knarrende Tor und trat hinaus um auszukundschaften, welcher Beutelschneider mitten in der Nacht die Frechheit besaß, eine Schildwache dermaßen ins Bockshorn zu jagen.

Genau aber auf diesen Augenblick hatte Rollo gelauert. So schnell er konnte, rannte er nun los, preschte durch das offene Tor, stürmte an der Wache vorbei und wetzte, was das Zeug hielt auf und davon!

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Der wackere Kommandant indes war von dem plötzlichen Lärm gewaltig erschrocken, ließ Licht und Waffe fallen, schlotterte mit den Knien und klapperte solcherart mit den Zähnen, daß es die Störche auf den Dächern weckte.

Der Esel aber rannte die Landstrasse entlang, daß die Meilen nur so auseinander stoben. Erst als seine Lungen pfiffen und keuchten als wollte man einem Blasebalg Lesen und Schreiben beibringen, hielt er inne und schnappte nach Luft, wie einer der drei Tage unter Wasser gewesen war.

„Das war hoffentlich eine gutes Stück Weg!“, japste der Grauschimmel, „aber es wird wohl besser sein, ich bringe noch ein paar Meilen hinter mich, wenn die mich finden, oje, das gäb‘ ein rechtes Übel!“

So wanderte der flüchtige Landmann weiter.

Am sternengetüpfelten Himmel hing der Mond wie eine alte Lampe; Schatten tanzten auf der Strasse als wär Kirchweih und die Brut der Nachtvögel sang Romanzen dazu, dass einem das Blut in den Adern gefror.

Schließlich gelangte Rollo an eine Brücke, die über einen Fluß führte und dachte: „Darunter wäre die Herberge nicht schlecht, hier könnte ich mich gut verstecken!“

Durch Schilf und Gestrüpp kletterte er zum Flußufer hinunter, kroch unter die Brücke, legte sich hin und schlief sogleich ein.

2. Kapitel

Wo der Esel abends auf einen
wunderlichen Hasen trifft.

Initialie A

ls das erste zarte Morgenlicht noch scheu und bleich in ein weites Land dämmerte, war Rollo tief in seinen Träumen versunken. So entging ihm ein seltsamer Punkt in der Ferne, der auf und ab schaukelte, größer und größer wurde und immer näher zu kommen schien.

Und tatsächlich mit dem Licht des vorrückenden Tages ließ sich bald eine Kutsche ausmachen, die mit etlichen Pferden bespannt, in vollem Galopp den Staub der Landstraße aufwirbelte und genau auf die Stelle zuraste, wo der entflohene Grauschimmel seine Nachtruhe gefunden hatte.

Aber es waren nicht - wie man jetzt vielleicht vermutet hätte - Müller und Geselle, die ihrem Lastenträger nachstellten, nein, es war der König jenes Landes, ein verschlagener, rachsüchtiger Greis, der geldgierig und machthungrig durch seine Lande zog, um auch den letzten Taler an Zins einzutreiben. In einen prächtigen Hermelin gekleidet, die Krone auf dem Kopf, schlief er in seinen vornehmen Polstern, während an seiner alten, vertrockneten Hand der Königsrubin leuchtete, wie das glühende Auge eines verwegenen Drachen. Wer diesen Stein trug, war König des Landes; so wollte es Brauch und Gesetz.

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Er war ein hartherziger, grausamer Regent und die Menschen stöhnten unter der Last seiner Herrschaft.

Der König indes hatte nicht mehr die besten Augen und so war es ihm entgangen, dass sich der Rubin über die Jahre hin in der Fassung des Ringes gelockert hatte, und nur darauf zu warten schien, bei der nächst besten Gelegenheit herauszuspringen.

Diese aber sollte bald kommen.

Als nämlich der Kutscher die Pferde mit einem Peitschenknall auf die Brücke jagte, und die Räder auf das harte Holz schlugen, tat es einen solchen Stoß, daß es den Edelstein aus seiner goldenen Fassung riss; durch einen Türspalt rutschte er auf die Brücke, kullerte durch ein Astloch, fiel hinunter und blieb im Huf des Esels, wo ein Nagel fehlte, stecken.

Der König, der davon nichts bemerkt hatte schlief einfach weiter, und Rollo träumte, als der Wagen über ihn hinwegfegte, vom brüllenden Müllermeister, der seinen faulen Gesellen mit einer schallenden Ohrfeige zur Arbeit anspornte.

Als Rollo endlich erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Er spähte vorsichtig unter der Brücke hervor und vergewisserte sich, dass ihm niemand auflauerte, dachte dann aber: „Wie sollte mich jemand finden können, hier unter diesem feuchten Gebälk? Die suchen mich garantiert überall, nur hier nicht.“

So wagte sich der Heimatlose schließlich unter der Brücke hervor, begab sich zur Straße und ging seiner Wege.

Der Rubin aber wurde durch das Gewicht des Wanderers so tief in seinen Huf gedrückt, dass er so schnell nicht mehr herausfallen würde.

Das wurde ein Tag! Weit und breit keine Säcke, die er mühselig durch die Gegend schleppen musste, keine schimpfende Fratze von Müllermeister und auch kein verwahrloster Geselle, diese Rotztrompete!

Fröhliche Schmetterlinge torkelten durch die Luft, über den Wolken zogen Adler ihre majestätischen Kreise, Rehe genossen äsend die friedliche Landschaft, pechte zimmerten ihre hölzernen Wohnungen und Störche stolzierten auf ihren roten Beinen gewandt durch die Wiesen. Wurde er hungrig, fraß er von den saftigsten Gräsern, wurde er durstig, trank er aus den reinsten Quellen; war aber dem Pilger nach einer Rast zu Mute, legte er sich müßig in einen kühlen Schatten.

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So verging der Tag und als der Abend schon nahe war begegnetet Rollo einem Hasen.

„He, Langohr!“ rief der Esel, „kannst du mir sagen wo diese Strasse hinführt?“ Da kam der Hase heran und musterte den Esel, als müsste er ihm auf 100 Gulden Bürgschaft leisten.

„Du bist wohl fremd hier“ näselte der Hase, „in dieser Richtung erreichst du in zwei Tagen die Hauptstadt“, deutete die Strasse entlang und fügte selbstgefällig hinzu: „Ich freilich laufe die Strecke in ein paar Stunden!“

„So warst du schon dort?“

„Ei, reisender Grauschimmel, ich komme eben von dort, und hört...,“

der Hase begann nun zu flüstern, so dass sich Rollo zu ihm hinunter beugen musste, und fuhr fort:

„Es ist irgendetwas Unbekanntes geschehen, man munkelt in der Stadt, Gerüchte gehen um, Genaues weiß man nicht. Heute Nacht wurden viele Kobolde und Zwerge gesehen, das ist sehr selten, manche behaupten sogar....“ Der Hase aber, bevor er weiter sprach, schielte argwöhnisch um sich, wie einer, der Ungeheuerliches zu verraten hätte, kam Rollo noch näher und setzte geheimnisvoll seine Rede fort: „...einige erwähnten sogar den roten Rubin! Aber wie gesagt, nichts Genaues weiss man nicht, es kann auch ein großes Unheil bevorstehen, oder sonst etwas. Also sei auf der Hut, Langohr!“

Sprachs und machte sich davon.

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Rollo indes, etwas verwundert vom Bericht des Hasen, dachte: „Nun gut, ich werde mich vorsehen, aber nach dieser Stadt gehe ich trotzdem, umkehren kann ich nicht und so schlimm wird‘s schon nicht werden,“ blickte noch einmal dem Hasen nach und hielt mit dem letzten Abendlicht Umschau nach einer Unterkunft für die Nacht.

In der Lichtung eines nahen Waldes konnte er bald eine behagliches Nachtquartier finden, trat sich mit den Hufen ein Lager zurecht und streckte sich zur Ruhe hin.

Der Mond aber, die alte Laterne am Firmament, beleuchtete sanft das schlafende Tier, die Lichtung, den Wald und hinter einem Baum - man hätte ihn deutlich sehen können - stand ein Zwerg mit einer spitzen Mütze und beobachtete alles.

3. Kapitel

Wo Rollo einem schwarzen Ungeheuer begenet,
die Sache aber gerade noch einmal gut geht.

Initialie A

ls sich der Esel am nächsten Morgen von einer Seite auf die andere wälzte, herrschte zwischen den Ästen schon reger Betrieb. Vögel, Insekten und andere Inhaber des Waldes waren längst auf ihren Beinen. Spinnen schüttelten Tau aus ihren Netzen, Bienen sammelten ihr Frühstück ein, Fledermäuse hingen sich an ihre Decken und die anderen, die auch fliegen konnten, schmetterten ein frühes Lied, daß es eine Art hatte. „Also gut“, dachte der Esel „dann halt raus aus den Federn!“, streckte alle Viere von sich, öffnete die Augen und erschrak gewaltig! Ein riesiges, schwarzes Viech glotzte ihm mitten ins Gesicht!

„Beim ersten aller haarigen Mehlsäcke, was ist denn das? Was passiert hier, was will denn der von mir?,“ gruselete es den Wanderer nicht wenig. Mit offenem Maul, seinen Augen nicht trauend, rutschte der Esel vorsichtig von dem häßlichen Ungetüm weg, stellte dann aber verwundert fest:

„Huch, der macht das ja auch?!“

„Und wo hat der überhaupt seine Ohren? Ich seh weder Pranke noch Pfote, keinen Schwanz, keinen Schnabel, keine Klauen... verflixt, ich seh...“

Da wurde dem Esel klar: er sah sich selbst!

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Er sah sich selbst in einer Krone, die neben ihm im Gras lag, und immer wenn er sich bewegte, schnitt ihm der löchrige Hut ein neues Gesicht.

„Freilich, es ist ein hübsches Ding“, überlegte der Esel, „es schneidet mir lustige Grimassen und bei meinen langen Ohren, so einen goldenen Helm kann nicht jeder sein eigen nennen. Sei`s drum, den nehm ich mit!“

Da fragte das ausgeschlafene Tier nicht lange, wo das Ding her kam, und setzte sich die gelbe Blechtüte, da es in seinem Bündel keinen Platz hatte, auf den Kopf. Und während sich seine Ohren noch über ihren neuen Freund wunderten, ging der Esel zur Straße zurück und machte sich auf den Weg.

Ebenso glücklich und zufrieden wie den Tag zuvor, wanderte Rollo auf der Straße weiter seinem Ziel entgegen. Erst um die Mittagstunde, als die Sonne am höchsten stand, hielt der Müßiggänger inne, um im kühlen Schatten einer knorrigen Eiche auszuruhen. Bald darauf hatte er einen Traum.

Der Müllermeister nämlich hatte eine Wolke für den geflüchteten Esel in seine Dienste genommen und rief dem Gesellen zu:

„Lad dem faulen Stück alle Säcke auf einmal auf, und puste ihr tüchtig ins Genick, es gibt ordentlich zu tun heute!“

Der Geselle, wie immer, tat was ihm befohlen, lud alle Säcke auf die Wolke und bließ ihr, so fest er konnte, ins Genick. Da erhob sich die Wolke tatsächlich und Meister und Geselle jubelten über ihren grossartigen Einfall, eine Wolke, die ja viel mehr tragen konnte als ein kleiner Esel, in ihre Dienste genommen zu haben.

Plötzlich aber merkten die beiden, dass die Wolke höher und höher flog und auch nicht zum Bäcker, wo sie hin sollte, sondern die Säcke über die Stadtmauern hinweg trug. Da rannten ihr Müller und Geselle über Wiesen und Felder nach, bis sie keuchend zusehen mussten, wie sie als kleiner weißer Punkt am Horizont verschwand.

Vergnügt erwachte Rollo und dachte:

„Wirklich schade, dass es nur ein Traum war, bei meinen langen Ohren, hätte ich denen das gegönnt!“, rückte sein Bündel zurecht und begab sich auf die Straße zurück.

Als der Himmel gegen Abend wieder verblasste und es für Rollo Zeit wurde, auch für diese Nacht eine Herberge zu finden, führte der Weg an einem mächtigen alten Baum vorbei, der ihm ein leidliches Quartier zu bieten schien.

Der Esel zögerte deshalb nicht, begab sich unter den hölzernen Riesen, warf Bündel und Krone ins Gras und legte sich in sein grünes Bett.

Durch die Blätter säuselte ein milder Wind, kühlte das vom Wandern warme Fell das Flüchtigen und spielte an der spitzen Mütze eines Zwerges, der hinter einem Busch verborgen alles beobachtete.

Eine Schar johlender Spatzen, die frühstückend um die Büsche tobten, weckten den Grauschimmel am nächsten Morgen. Als er seinen Kram zusammenpacken wollte, fiel ihm ein rotes Fell auf, dass über einem Ast der alten Pflanze hing, schwarze Flecken hatte, die wie Augen aussahen und so komisch guckten, dass es dem Esel ein Rätsel war, welches Tier jemals darin hätte gewohnt haben sollen.

Erst bei näherem Hinsehen entpuppte sich der haarige Stoff als ein Kleidungsstück, ein feiner Mantel aus Pelz genäht, wie ihn vielleicht nur Könige trugen:

„Ein Kostüm aus unserer Haut“, urteilte der Esel überdrüssig und wunderte sich nicht wenig, wo zum Teufel dieses Ding schon wieder herkam: „Was da morgens so alles rumliegt!“, schüttelte er den Kopf, schlüpfte aber trotzdem - aus reiner Neugierde - in das seltene Stück: nun, es war zu groß!

„Egal!“, entschied der Esel, „ich nehm‘s trotzdem mit, vielleicht kann ich es später gegen einen Sack Rüben oder ein deftiges Stück Käse tauschen, wer weis?“, gesellte das Fell zu seinem Bündel und wanderte weiter seines Weges.

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Die heiteren Stunden verstrichen wie im Fluge, und erst als der Vagabund schon manchem Wald und mancher Wiese Lebewohl gesagt und schon manche Meile unter seinen Hufen das Weite gesucht hatte, konnte er unvermittelt am Horizont die Umrisse einer grossen Stadt erkennen.

4. Kapitel

Wo ein Mädchen durch Finger pfeifft
und damit einen großen Tumult auflöst.

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h! Soviele Häuser und Türme auf einem Haufen und mitten drin eine alte Burg, das muss die Hauptstadt sein!“, rief Rollo und spähte beeindruckt nach dem Wirrwarr von Dächern, Giebel und Zinnen, als plötzlich sein Schatten verschwand. Ein mächtiges Gebirge schwarzer Wolken hatte die Sonne mit einem einzigen, gewaltigen Bissen verschlungen.

Da erinnerte sich der Esel an seinen neuen Mantel, zog ihn flink aus dem Bündel und warf ihn sich über den Rücken:

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„Dann wird wenigstens nur ein Fell nass“, kicherte Rollo, aber das Gewitter verstand keinen Spaß: blitzte, krachte und ein wütender Sturm warf und spieh mit Ästen, Zweigen und dicken Regentropfen so ungestüm nach dem Wegelagerer, als hätte er dem Teufel in die Suppe gespuckt!

So kam der Esel nur langsam voran und gelangte erst zu den Toren der Stadt, als das Unwetter längst vorüber war. Der Mantel über seinen Schultern aber und die Krone zwischen seinen Ohren hatte er vollkommen vergessen.

In dem Burgflecken ging es indessen hoch her.

Als Rollo durch ein Tor trat, herrschte in den Straßen der Stadt ein einziges Durcheinander; ein rufendes, schwätzendes Getümmel von Leuten wuselte aufgeregt durch die Gassen. Die ganze Stadt schien auf den Beinen zu sein: Händler, Handwerker, Kaufleute und Bauern; Ratsherren in wichtigen Gewändern, Soldaten mit Pieken und Spießen, Marktfrauen, bewaffnet mit Körben und Federvieh, Jäger mit Pfeil und Bogen; Magier, Pfaffen und Doktoren; Goldmacher, Astrologen und Wucherer, Geldverleiher und Diebe; Bettler und Krüppel humpelten in geflickten Lumpen auf Krücken und Stümpfen mit, so gut es ging; dazwischen knarrten Fuhrwerke, Wagen und Karren; auch fehlten Hunde und Katzen nicht, die jaulten und heulten dazu, dass es einem die Gänse auf die Haut trieb.

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„Himmel und Hölle!“ Bevor Rollo nur recht begriffen hatte, wie ihm geschah, wurde er vom Wirrwarr der Aufständischen mitgerissen. Der aufgewühlte Haufen zog ihn durch die halbe Stadt, bugsierte ihn von einer Ecke in die andere, von einem Tor zum nächsten, bis er endlich auf einer kleinen Mauer, am Rande eines Platzes mit einem Brunnen zum Stehen kam. Auf diesem Mäuerchen sah es aus wie Kraut und Rüben, aber hier ließ sich für den Esel gut Umschau halten.

Die Aufständischen hatten die Kutsche des Königs, die mit dem Unwetter eingetroffen war, aufgehalten und den blauen, goldverzierten Karren vollkommen umzingelt. In Windeseile hatte sich das Gerücht verbreitet, der König habe den Rubin verloren und damit seine Macht. Nun tobte das Volk und foderte den Monarchen auf, sich zu zeigen.

Als sich aber der Schlag des königlichen Gefährts öffnete und der Regent heraus trat, gab es ein gewaltiges Gelächter: Nur mit langen Unterhosen und Unterhemd bekleidet kam er aus seinem Wagen gekrochen!

Wo war sein roter Pelz? Wo seine Krone? Wo sein Rubin?

Das Ende seiner Herrschaft war damit besiegelt, er hatte unverkennbar den Edelstein verloren.

Da hatten die Menschen eine große Freude und schlugen sich vor Vergnügen auf die Schultern, zeigten auf die verhaßte, lächerliche Figur, die einmal ihr König war und riefen:

„Er hat den Rubin verloren!“

„Er ist nicht mehr unser König!“

„Jagt den Halunken aus der Stadt!“

„Bringt ihn vors Tribunal!“

„Vierteilt den Roßkamm!“

„In den Kerker mit dem Ungetüm!“

Die aufgeregte Menge beruhigte sich erst wieder, als ein Ratsherr das Wort ergriff und über den Platz brüllte:

„Leute hört! Wenn er den Rubin nicht mehr hat, wer hat ihn dann? Wer ist dann unser neuer König und wo ist er?“

Ah! Natürlich, das hatte man in dem Tumult völlig vergessen. Verdutzt blickten sich die Menschen an und zuckten ratlos die Schultern. Auf dem Platz wurde es ruhig wie in einem Gemälde, man hörte keinen Pieps mehr bis plötzlich ein gellender Pfiff die Stille zerriß.

Da gafften alle zu dem Mäuerchen, wo neben Rollo ein Mädchen auf einem alten Faß hockte und makellos Luft durch ihre Finger blies.

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Das Kind hatte längst begriffen, wo der Hase lang lief, es war nicht so blind wie der aufgeregte Haufen, der wieder mal nur mit sich selbst beschäftigt, nicht wusste wo hinten und vorne war, sie wusste wer der neue König war, sie hatte ihn die ganze Zeit schon beobachtet und rief nun:

„Hier ist er!“ und deutete auf Rollo neben sich.

Und tatsächlich, der Esel trug den Mantel des Königs, er hatte die Krone auf dem Kopf, er musste den Rubin haben, er musste es sein!

Da brach das Volk in Jubel aus, hob den Esel in die Höhe und trug ihn in einem Triumphzug zum Schloß.

Erst dort erklärte man dem völlig verwirrten Grauschimmel, was es mit dem Rubin auf sich hatte; Kobolde und Zwerge bringen dem neuen Besitzer des Steines jede Nacht ein Habseligkeit des Königs, bis alles, was des Monarchen ist, seinen neuen Eigentümer gefunden hat.

Nun suchte man - das war eine kitzelige Angelegenheit - nach dem Stein und konnte ihn schließlich eingeklemmt in einem seiner Hufe finden.

„So soll ich König sein?“, fragte Rollo die Minister und Ratsherren, die sich um ihn gesellt hatten.

„Ich hab immer nur Säcke geschleift! Wie soll ich regieren?“

„Majestät werden es lernen!“, entgegnete der erste Rat.

„Ich kann weder lesen noch schreiben!“

„Eure Exzellenz, wir haben vortreffliche Lehrer!“, verbeugte sich ein Zweiter.

„Ich kenne meine Herkunft nicht, meine Eltern sind mir unbekannt, mein Alter selbst ist mir ein Rätsel!“

„Das tut nichts!“, waren sich die heiteren Herren einig.

Rollo aber dachte: „Nun gut, das Schloss ist freilich hübsch, ich hätte das beste Futter weit und breit, ein leidliches Quartier und, bei meinen langen Ohren, ich will es einmal versuchen!“

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Rollo wurde schließich ein beliebter und geachteter Monarch.

Das Land gedieh unter seiner klugen Regierung und die Menschen lebten in Zufriedenheit und Wohlstand.

Das heißt, von einer kleinen Ausnahme abgesehen. Unter den Eseln der Hauptstadt, die für das Tragen von Lasten zuständig waren, befanden sich nämlich seit kurzem zwei Männer, von denen behauptet wurde, sie wären einmal in einer anderen Stadt Müllermeister und Geselle gewesen, aber so genau wusste das niemand...

ENDE